Laufende Arbeiten
Das Konzept der Ambivalenz: Theoretische, praktische und interdisziplinäre Tragweite
In einem individuellen Projekt, das vom Exzellenzclusters 16 "Kulturelle Grundlagen der Integration" an der Universität Konstanz gefördert wird, versuche ich, die unterschiedlichen Stränge der bisherigen Arbeiten über die theoretische und empirische Tragweite des Konzepts der Ambivalenz zusammen zu führen.
Als übergreifende theoretische Orientierung schlage ich dafür die Idee des "homo ambivalens" vor. Unter methodologischen Gesichtspunkten kann Ambivalenz als "sensibilisierendes Konzept" ("sensitizing concept") verstanden werden, insbesondere auch im Hinblick auf dessen Nutzung in interdisziplinärer Perspektive.
1. Homo ambivalens
Ich verstehe diesen Vorschlag nicht als eine "Wesenszuschreibung" des Menschen, sondern als eine Heuristik. Sie beinhaltet, erstens, die Annahme, dass Menschen Ambivalenzen erfahren, erkennen oder verdrängen können und auf unterschiedliche Weise damit umzugehen vermögen. Diese Heuristik beinhaltet zweitens auch die Möglichkeit und die Notwendigkeit der dynamischen, kritischen Reflexion seiner selbst, eingeschlossen seiner Ambivalenz gegenüber Ambivalenzerfahrungen und ihrer Thematisierung.
Man kann darin eine Last sehen. Ist dies der Fall, werden Ambivalenzen im alltäglichen Handeln ebenso wie in der Theorie problematisiert und sogar verdrängt. Man kann darin aber auch die Chancen einer dynamischen Offenheit erkennen. So gesehen geht es – paradox ausgedrückt – um eine rationale Alternative zur alleinigen Vorherrschaft der Idee der Rationalität. Sie nährt sich pragmatisch wiederum von der Akzeptanz kontingenter Elemente im menschlichen Leben, seiner Schicksalhaftigkeit und dem Verwundern über das Auftauchen von unerwartet Neuem.
(Hierzu Lüscher, K. 2010, "Homo ambivalens")
2. Definition von Ambivalenz
Die Begriffsgeschichte und die Diskursanalysen des Konzepts der Ambivalenz in unterschiedlichen human-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Diskursen und Disziplinen legen den Schluss nahe, dass damit anthropologisch bedeutsame Sachverhalte angesprochen werden. Sie können sich in übergreifenden Vorstellungen wie Menschen- und Gesellschaftsbildern und in der konkreten Gestaltung menschlichen Handelns finden.
Je nachdem, wie viele der nachfolgenden Bedingungen zutreffen, beobachtet werden oder zur Sprache kommen, wird das Konzept der Ambivalenz in einer eher allgemeinen Weise oder in einer prägnanten Weise – als Deutungsmuster oder als Forschungskonstrukt – genutzt. Diese Bedingungen sind:
Erstens das Vorhandensein ausgeprägter Gegensätze ("Polaritäten"). Dabei kann ein einzelner "Sachverhalt" oder es können auch mehrere "Sachverhalte", Aufgaben, Felder oder "Dimensionen" der Beziehungsgestaltung in Betracht gezogen werden. Denkbar sind auch Verknüpfungen.
Zweitens der Umstand, dass diese Gegensätze gleichzeitig bestehen und die Beteiligten in ihrem Fühlen, Denken und Wollen zwischen diesen hin und her pendeln, schwanken ("oszillieren").
Drittens der Umstand, dass dieses Oszillieren während kürzerer oder längerer Zeit in einer bestimmten Situation, bei der Erfüllung einer Aufgabe, vor einer Entscheidung, in einem biographischen Übergang (z.B. Auszug aus dem Elternhaus) oder im Blick auf eine lange Zeit des Zusammenlebens eingebunden ist (und so lange auch als unlösbar angesehen wird).
Durchgängig besteht die Annahme, dass die Spannungsfelder, die Erfahrungen des Oszillierens sowie deren Eingebundensein in einen Handlungszusammenhang von kürzerer oder längerer Dauer für das Selbstbild und die Persönlichkeitsentwicklung (die "Identität") der beteiligten Person(en) von Belang sind.
Zusammengefasst schlage ich folgende kompakte Definition vor:
Das Konzept der Ambivalenz dient dazu, Erfahrungen zeitweiligen oder dauernden Oszillierens zwischen polaren Gegensätzen zu umschreiben, denen Bedeutung für die Identität und dementsprechend für die Handlungsbefähigung, die sozialen Beziehungen sowie die Gesellschaftlichkeit individueller und kollektiver Akteure zugeschrieben werden kann.
Wichtig an der hier vertretenen Sichtweise ist ferner, dass Ambivalenzen nicht von vorneherein und durchgängig "negativ" bewertet werden, sondern Erfahrungen umschreibt, die unterschiedlich bewertet werden können, je nachdem, wie damit umgegangen wird. Es können sich daraus Anstöße für neue Erkenntnisse und kreatives Handeln ergeben, so auch in der Kunst, Literatur und Musik.
Ambivalenzen können mit folgenden Methoden erfasst werden:
- Direkte Fragen nach Ambivalenzerfahrungen.
- Indirekte Ermittlung von Ambivalenzen gestützt auf die Analyse der Charakterisierung von Beziehungen (widersprüchliche Aussagen).
- Antworten auf Darstellungen von Lebenssituationen in Form von Kurzschilderungen.
- Analyse von Dokumenten: Texte, bildliche Darstellungen.
Näheres zur Begriffsgeschichte und zur Begründung der Definition siehe Kap. 1 in Dietrich, W./ Lüscher, K./ Müller, Ch. (2009).
3. Allgemeine Hypothesen
- Es ist wissenschaftlich fruchtbar, die Erfahrung von Ambivalenzen, ihre Erkenntnis und den Umgang damit als eine Facette der für menschliche Sozialität konstitutiven Prozesse personaler und kollektiver Identitätsentwicklung und Handlungsbefähigung (Reflexion, Verantwortlichkeit) aufzufassen.
- Formen und pragmatische Bedeutungen von Ambivalenzerfahrungen sind empirisch differenziert zu ermitteln. Sie variieren nach Handlungskontexten, Gesellschaften und (Sub-) Kulturen. Dies erfordert eine methodologische Verallgemeinerung des Moduls zur Ambivalenz-Analyse.
4. Anwendung
Es scheint wünschenswert, bei der vertieften Arbeit mit dem Konzept Typen der Erfahrung von Ambivalenzen und des Umgangs damit zu unterscheiden. Das ist bei der Nutzung als "Deutungsmuster" ebenso wie jener als "Forschungskonstrukt" möglich. Im Rahmen der Konstanzer Forschungen wurde zu diesem Zweck ein "Modul" entwickelt. Darin werden unter Beizug theoretischer Begründungen vier Typen unterschieden: Solidarität, Emanzipation, Atomisierung und Kaptivation.
Eine ausführliche Darstellung des Moduls kann hier abgerufen werden. Beispiele für seine Verwendung finden sich in folgenden Downloads:
- als Forschungskonstrukt: Burkhardt, A. et al. (2006); Lüscher, K./Lettke, F. (2002)
- als Deutungsmuster: Lüscher, K. (2008): Großelternschaft; Lüscher, K./Heuft, G. (2007)
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Foto: Christa Zopfi
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Artikel
Lüscher, K. (2010): "Homo ambivalens". Download (PDF)
Lüscher, K. (2010): Generationenpolitik. Download (PDF)
Lüscher, K. (2010): Generationenpotenziale. Download (PDF)
Lüscher, K. (2010): Generationendialoge. Download (PDF)
Lüscher, K. (2009): Humanvermögen. Download (PDF)
Lüscher, K. (2009): Potentiel humain. Download (PDF)
Krappmann, L./ Lüscher, K. (2009): Kinderrechte. Download (PDF)
Lüscher, K. et al. (2009): Generationenanalyse. Download (PDF)
Liegle, L./ Lüscher, K. (2008): Generative Sozialisation. Download (PDF)
Lüscher, K. (2008): Großelternschaft. Download (PDF)
Bücher
Dietrich W./ Lüscher K./ Müller Ch. (2009): Ambivalenzen erkennen, aushalten, gestalten.
Pillemer, K./Lüscher, K. (Hrsg.) (2004): Intergenerational Ambivalences: New Perspectives on Parent-Child Relations in Later Life.
Lüscher, K./Liegle, L. (2003): Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft.
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